Medikamentenflut macht ältere Menschen krank: Wechselwirkungen können oft vermieden werden.jpg)
21 Prozent der Patientinnen und Patienten über 65 Jahre haben mehr als fünf Krankheiten. Sie bekommen eine Vielzahl von Medikamenten. Je mehr Medikamente sie einnehmen, desto mehr Wechselwirkungen können sich ergeben. Gerade ältere Menschen leiden an Polypharmazie – an Beschwerden, die durch die Kombination mehrerer Medikamente entstehen.
Maria B. ist 78 Jahre alt. Beim Einkaufen wird ihr schwindlig. Sie stürzt. Im Krankenhaus können keine Besonderheiten festgestellt werden. Verwandte haben nächtliche Verwirrtheit, Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme bemerkt. Die Medikamentenliste von Maria B. ist lang: Antidiabetika, Antihypertonika, Biphosphonate, Kalzium und Vitamin D, Hypnotika, Antidepressiva, Analgetika und einige Präparate, die sie ohne Rezept (auf Empfehlung ihrer Freundin) aus der Apotheke hat. „Die Medikamente wurden ihr teils vom Hausarzt, teils vom Psychiater und zum Teil auch von der Ambulanz des Spitals verschrieben“, sagt Primar Dr. Peter Dovjak vom Zentrum für Akutgeriatrie und Innere Medizin Buchberg. Zehn und mehr verschiedene Medikamente sind bei älteren Menschen keine Seltenheit. „Doch schon bei zehn Medikamenten können sich 45 verschiedene Wechselwirkungen ergeben“, sagt Dovjak. Bei 15 Präparaten sind es bereits 105.
„Untersuchungen im niedergelassenen Bereich zeigen bei 35 Prozent der älteren selbständigen Bevölkerung unerwünschte Nebenwirkungen der laufenden Medikation“, sagt der Mediziner. Fast ein Drittel dieser Menschen braucht deshalb medizinische Hilfe – ein Teil muss deshalb sogar ins Spital gebracht werden. Um diese Wechselwirkungen zu vermeiden wurden in den vergangenen Jahrzehnten von Fachgesellschaften, Universitäten, Spitalserhaltern, den Spitälern selbst und von anderen Gesundheitsorganisationen Leitlinien erstellt, die regelmäßig adaptiert, verbreitet und beworben werden. Sie helfen in Standardsituationen, wurden oft jedoch nur für Einzelerkrankungen erstellt. „In der Altersmedizin braucht es jedoch ein individuelles Vorgehen“, sagt Dovjak. „Eine leitlinientreue Behandlung würde multimorbide Patientinnen und Patienten gefährden.“ Mit verschiedenen Tests und Abgleichen können unerwünschte Wirkungen jedoch bis zu 55 Prozent reduziert werden.
Für die Zukunft hat die Österreichische Gesellschaft für Geriatrie die Arbeitsgruppe „Polypharmazie“ ins Leben gerufen. Sie hat Richtlinien und Empfehlungen für die Medikation älterer Patientinnen und Patienten erstellt. Die ersten Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe wurden beim Geriatriekonkress im März in Bad Hofgastein veröffentlicht.
Maria B.s Beschwerden waren Wechselwirkungen der Medikamente, die sie einnahm. Ihre Verwandten hatten bereits einen Heimplatz für sie gesucht. Nach Abklärung konnte sie jedoch wieder nach Hause zurückkehren. „Eine halbes Jahr später haben die behandelnden Ärzte einen netten, in klarer Schrift verfassten Brief der Patientin bekommen“, schildert der Arzt. „Er hat sie einmal mehr in ihrer Vorgangsweise bestätigt.“
